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"Depressive denken analytischer"

 

Schorndorfer Nachrichten 19.06.2017

Psychiater Martin Brüne hat die evolutionäre Geschichte von psychischen Krankheiten untersucht.

Depression gilt heute zu Recht als schwere Krankheit - die es schon von Anbeginn der Menschheit gibt, sagt der Psychiater Martin Brüne.

Warum einige Symptome auch positive Seiten haben können, erklärt er im Interview.

von Frederik Jötten

Herr Brüne, 30 bis 50 Prozent der Menschen erfüllen während ihres Lebens die Kriterien einer klinischen Depression. Es gibt eindeutig erbliche Risikofaktoren, warum hat die Evolution diese Erkrankung nicht eliminiert?

Das ist in der Tat erstaunlich - andere schwere psychische Störungen wie etwa Schizophrenien kommen nur bei ein bis zwei Prozent der Menschen vor. Angesichts der Zahlen sollten wir uns davon verabschieden, dass depressionsähnliche Symptome nur negativ sind. Diejenigen Menschen, die sehr emotional reagieren, können dadurch auch Vorteile haben - etwas weil sie sich sehr anstrengen, um Positives zu erleben und Negatives zu vermeiden. So hat eine Studie gezeigt, dass Studenten, die sich oft Sorgen machen, im Studium erfolgreicher sind als ihre unbeschwerten Kommilitonen.

Die Depression als Schlüssel zum Erfolg?

Gerade unter den sehr erfolgreichen Menschen in Kunst, Kultur und Politik, aber auch in Unternehmen, ist die Anfälligkeit für psychische Störungen häufig. Es sieht so aus, als ob es besonders bei Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, positiv für den Erfolg sein kann, wenn sie zwar keine Manie im klinischen Sinne, aber manische Züge haben, etwa gehobene Stimmung, Geistesblitze, Spritzigkeit im Umgang mit anderen. Und Erfolg macht sexy und bedeutet auch Fortpflanzungserfolg. Dass die emotionale Anfälligkeit oft bei Menschen in Führungspositionen vorkommt, könnte auch ein Grund dafür sein, warum starke Stimmungsreaktionen in der Evolution nicht eliminiert wurden, obwohl daraus eine bipolare Depression werden kann.

Sie sagen, Depressionen sei keine Zivilisationskrankheit, sondern es gab sie von Anbeginn der Menschheit. Wie meinen Sie das?

Dafür spricht, dass im Tierreich ähnliche Symptome vorkommen. Individuen, die bei Kämpfen um die Hierarchie in einer Gruppe unterliegen, sind offensichtlich niedergeschlagen. Sie signalisieren so, dass sie nicht mehr kämpfen wollen, sondern die Rangordnung akzeptieren. Unterlegene werden von Ranghöheren daraufhin nicht mehr o t!

Zum Beispiel?

Nehmen wir den Liebeskummer. Das Ziel der Verliebtheit ist evolutionär gesehen die Fortpflanzung. Wenn sich die begehrte Frau für jemanden anderen entscheidet und ich deshalb mit meinem Liebeskummer zurückbleibe, dann können Depressionssymptome ein nach innen gerichtetes Signal sein innezuhalten und über den richtigen Weg nachzudenken.

Aber weder wird man mit Depressionssymptomen einen Ex-Partner zurückerobern, noch wirkt das auf andere potenzielle Partner attraktiv - das erscheint dann nicht im Sinne des evolutionären Erfolgs zu sein?

Viele Studien haben gezeigt, dass das Denken während der Depression analytischer wird. Depressive schneiden zwar in manchen kognitiven Tests, etwa im Bereich Aufmerksamkeit, schlechter ab als Nichtdepressive, das liegt aber daran, dass sie über ihr Problem nachdenken und deshalb unkonzentriert sind. Komplexe Probleme erfordern gründliches Nachdenken und die Symptome der Depression - sozialer Rückzug, fehlendes Interesse an vorher geschätzten Tätigkeiten, nachlassende Libido - erlauben, dass die Erkrankten nicht von anderen Aktivitäten abgelenkt werden. Depressive sind oft besser darin, soziale Probleme zu lösen als Nichtdepressive, zumindest dann, wenn die Symptome einen gewissen Scheregrad nicht überschreiten.

Aber warum treten Depressionen nach Ereignissen auf, die nichts mit Niederlagen zu tun haben, wie zum Beispiel bei einem Trauerfall?

Es gibt Studien, die gezeigt haben, dass unterschiedliche Depressionssymptome nach unterschiedlichen Auslösern einer Depression auftreten. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit eher als Reaktion auf Misserfolg, Stress und Winterzeit - genau dann, wenn es sinnvoll ist, Ressourcen zu sparen. Dagegen weinen Menschen nach dem Tod eines geliebten Menschen - diese ist deshalb sinnvoll, weil sie bewirken kann, dass andere Personen sich um einen kümmern. Trauerreaktionen sind auch nicht mit Depression gleichzusetzen, sondern vermutlich etwas ganz anderes.

Die Depression als Hilfeschrei?

Ich sehe Depression aus evolutionärer Sicht als zweifaches Signal - zum einen nach innen, um Ressourcen zu sparen, zum anderen an das Umfeld. Denn die Depression zeigt den Mitmenschen, dass der Depressive Hilfe braucht. Wenn jemand große Probleme hat, auf der Arbeit oder in der Beziehung, dann hat er eventuell nicht viel zu verlieren durch eine Depression.

Aber durch eine Selbsttötung verlieren Depressive ihr Leben - welchen Sinn sollte Suizidalität in der Evolution gehabt haben?

Suizidversuche können manchmal als Hilfeschrei interpretiert werden, der dem Umfeld unmissverständlich klarmacht, dass der Betroffene Unterstützung braucht. Das ist lebensgefährlich. Allerdings gelingt nur einer von 14 Suizidversuchen, bei jungen Frauen in den USA nur einer von 100.

Es gibt einerseits eine genetische Komponente, die das Risiko erhöht, dass ein Mensch eine Depression entwickelt. Die Krankheit tritt aber erst auf, wenn die Umwelt, in der in Mensch aufwächst und lebt, ungünstig ist. Was ist der Unterschied zum evolutionären Ansatz?

Die Psychiatrie übersieht bislang weitgehend, dass bei manchen Erkrankungen dieselben genetischen Varianten, die unter schlechten Umständen krank machen, unter günstigen Verhältnissen schützende Wirkung haben. Eine Variante des Serotonin-Transporter-Gens zum Beispiel kommt gehäuft bei Depressionspatienten vor, insbesondere dann, wenn ein Mensch früh in der Kindheit vernachlässigt wurde. Aber was kaum beachtet wird, ist, das Menschen, die dieselbe Variante  tragen und viel emotionale Wärme und Zuwendung erfahren haben, ein geringeres Risiko für eine Depression haben als die Normalbevölkerung.

Welchen Unterschied macht das für den Patienten?

Es hilft gegen Stigmatisierung. Ein Mensch mit einer Depression hat nicht einfach Pech gehabt, weil er ein bestimmtes Gen besitzt. Vielleicht findet man in der Lebensgeschichte Anhaltspunkte, dass genau diese Anlage auch einen positiven Effekt für dessen Leben haben könnte. Und für Erkrankte, die selbst Kinder haben, heißt es: Wenn sie sich liebevoll um die Kinder kümmern, kann das, was zur eigenen Krankheit beigetragen hat, die Kinder sogar davor schützen.

Hinweis: Die Übernahme aus der Zeitung erfolgt 1 zu 1 und wird bewusst nicht kommentiert.

 
 

 Juni 2017

 
 

 
 

eingestellt am 19.06.2017

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